… (fast) jeden ersten Samstag im Monat ein queerer Film, davor und anschließend Bar – im B-Movie, Brigittenstraße 5 (Hinterhof), 20359 Hamburg-St.Pauli
Raoul Pecks; F, USA, B, Ch 2016; 94 min.; FSK 12; Digital
I Am Not Your Negro ist ein Dokumentarfilm von Raoul Peck über weißen Rassismus in den USA, der auf James Baldwins (1924–1987) unvollendetem Manuskript Remember This House basiert. Peck hat Ausschnitte der Medienberichterstattung über People of Colour vor allem aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer Collage zusammengestellt, zu der auch ein Interview mit Baldwin von 1968 sowie Bilder der weißen Mehrheitsgesellschaft gehören.
Der Film verbindet in fünf Kapiteln die Morde an Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King. Samuel L. Jackson spricht Baldwins Text. An den Kinokassen und bei der Kritik war der Film ein Erfolg.
Rosa von Praunheim, Deutschland 1985/1986, 82Min, FSK 16, Digital
Ein reaktionärer Saunabesitzer will in seinem Etablissement keine Kondome verteilen, weil dies dem Geschäft schaden könnte. Eine Therapeutin bietet Todesmeditationen für Aids-Kranke an. Auf der Suche nach dem Ursprung der Krankheit wird die Forscherin Prof. Dr. Blut vom „Institut für Seuchen, Pest und Tod“ von Grünen Meerkatzen gebissen und dabei mit dem Virus infiziert. – Am Ende haben alle Aids, die Pflegerinnen auf der Krankenstation schließen Wetten ab, wer zuerst sterben wird, und die Regierung verfrachtet alle Infizierten ins Exil nach Hell-Gay-Land.
Zusammen mit Protagonist:innen aus der Berliner Tunten- und Schwulenszene entwickelte Rosa von Praunheim innerhalb weniger Monate eine bitterböse Rundum-Attacke gegen schwule Dummköpfe, rücksichtslose Geschäftemacher in den eigenen schwulen Reihen, gegen zynische Mediziner:innen, die Spekulationspresse und verlogene Frömmler:innen. Die revueartige Kollektivproduktion überzeichnet schamlos und bildet doch nur leicht zugespitzt den Diskurs dieser Zeit ab. So gab es damals tatsächlich die monströse Idee, Helgoland zur Quarantäne-Insel für HIV-Infizierte zu machen…
Der zwischen Trash, Drama und Kolportage oszillierende Film war als erster deutscher Film zum Thema Aids der akuten Situation im Entstehungsjahr 1985 weit voraus. Mit der Aufführung nach über 40 Jahren soll die kreative und politische Energie vermittelt werden, mit der man 1985 auf die existentielle und damals schwer einzuschätzende Bedrohung reagierte. (Text nach Axel Schock)
USA 2021, 105 Minuten, Regie: Todd Stephens, mit Udo Kier, Linda Evans, Jennifer Coolidge u.a.
Pat
Pitsenbarger, einst der beste Friseur am Ort Sandusky (Ohio), lebt
nun allein in einem Seniorenwohnheim, raucht heimlich und sammelt
Servietten. Eines Tages informiert ihn ein Anwalt über den Tod einer
ehemaligen Stammkundin und teilt ihm deren letzten Wunsch mit,
der an eine stattliche Erbschaft geknüpft ist: Für die Totenfeier
soll er ihr ein letztes Mal die Haare herrichten. Nach anfänglichem
Zögern macht er sich, wenn auch widerstrebend, auf den Weg und
versucht, die benötigten Pflegeprodukte zu besorgen, die schon
längst nicht mehr hergestellt werden. Dabei entwickelt sich eine
kleine Odyssee durch Sandusky, mit Rückblicken auf Episoden der
eigenen Lebensgeschichte, die prägend in die Geschichte der
schwulen Community des Ortes eingebunden war.
Warmherzig und mit viel Witz erzählt Todd Stephens den dritten Teil der Sandusky-Trilogie und setzt dabei dem lokalen Wegbereiter eines offenen schwulen Lebensstils ein filmisches Denkmal. Udo Kier spielt die Rolle als alte Queen mit einer Authentizität, wie es sonst wahrscheinlich keiner kann.
Bitte beachtet die am Veranstaltungsabend geltenden Einlassbedingungen des B-Movie (s. Startseite B-Movie).
OUR DANCE OF REVOLUTION
Phillip Pike; Kanada 2019; 102 Min. OmU; Digital
„Wir
sind Menschen der Revolution. Wir sind hier, weil andere rebelliert
haben. Weil andere beständig Widerstand geleistet haben!“
Phillip
Pikes Dokumentarfilm erzählt die Geschichte von
Torontos Schwarzer queer und trans*-Community. Vielfältige,
generationsübergreifende Berichte widmen sich den Kämpfen der
letzten 35 Jahre um Sichtbarkeit und gegen Polizeigewalt im Aufbau
einer kraftvollen Schwarz-queeren Community, die heute in Torontos
Kapitel der „Black Lives Matter“-Bewegung mündet.
Der Film zeigt den Mut, die Hartnäckigkeit und die Hingabe und Kreativität, mit der aktivistische Gemeinschaften und Diskurs aufgebaut wurden, das Gestalten von sichereren und lebensbejahenden Räumen und bietet nicht zuletzt immer wieder Platz zum Tanzen in dieser queeren Schwarzen Revolution!
Before Stonewall
Regie: Greta Schiller, Andrea Weiss, Robert Rosenberg. USA, 1984, 87 Min., OmU, digital
Dieser Queer Cinema Klassiker blickt ausführlich auf die Zeit vor den Riots und zeigt die aufgeladene Stimmung in den USA der 1960er Jahre. Die Doku ist mittlerweile zu einem Standardwerk in Sachen schwul-lesbischer Geschichte geworden.
Vorfilm: Happy Birthday, Marsha!Regie: Tourmaline, Sasha Wortzel. US 2017, 14 Min., OV, digital,
Was passierte in den Stunden bevor Trans* Künstlerin und Aktivistin Marsha P.(ay it no mind) Johnson die Stonewall Riots entfachte?]]>
Wie schwul bzw. lesbisch waren Goethe und seine ZeitgenossInnen? Überhaupt nicht, wie wir wissen, denn die Vorstellung von sexuellen Orientierungen und Identitäten existierte im 18. Jahrhundert noch nicht. Inspiriert von Robert Tobins „Warm Brothers – Queer Theory and the Age of Goethe” beleuchtet Rosa von Praunheim den Umgang der Weimarer Klassiker mit gleichgeschlechtlichem Begehren und gleichgeschlechtlicher Sexualität. Auf seiner Italienreise schrieb etwa Goethe, der Lieblingsdichter vieler Deutscher: „Knaben liebte ich wohl auch. Doch lieber sind mir die Mädchen.“ Inszenierungen von Briefwechseln, Lyrik und dramatischen Texten an den Orten ihres Entstehens werden durch Interviews mit LiteraturwissenschaftlerInnen und HistorikerInnen und nicht zuletzt durch Reflexionen der DarstellerInnen über den Sinn der Fragestellung kommentiert.
The Times of Harvey Milk
Rob Epstein, USA, 1984, ca. 90 min.
Harvey Milk (1930-1978) war der erste offen schwule Politiker der USA, saß im Stadtrat von San Francisco und wurde 1978 von einem politischen Rivalen wie auch der Bürgermeister der Stadt erschossen. Schon vor seiner Tätigkeit im Parlament war Harvey Milks Fotogeschäft zu einem wichtigen Ort der Homosexuellen-Bewegung der Stadt geworden. Milks Arbeit trägt dazu bei, dass in San Francisco immer mehr Schwule und Lesben sichtbar werden. Es gelingt Milk u. a., dass die Mehrheit der kalifornischen WählerInnen einen Gesetzesentwurf ablehnt, der Schwulen verbieten will, als Lehrer an öffentlichen Schulen zu arbeiten.
Regisseur Rob Epstein dokumentiert in The Times of Harvey Milk einfühlsam das Leben Harvey Milks und zeigt dabei selbstverständlich auch den Zeithintergrund der 1960er und 1970er Jahre sowie die Ereignisse, die zu seinem gewaltsamen Tod führten. 1985 wurde der Film mit einem Oscar als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.
Der Kreis
Stefan Haupt, CH, 2014, 102 min., Schwytzerdütsch; OmU
Stefan Haupt verfilmt das Lebens eines der bekanntesten Männerpaare der Schweiz: Der junge Lehrer Ernst Ostertag (Matthias Hungerbühler) kommt Mitte der 1950er Jahre in Zürich in Kontakt mit der „Homophilen“-Organisation „Der Kreis“ und arbeitet an ihrer gleichnamigen Zeitschrift mit, die LeserInnen in der ganzen Welt hat. Auf einem der legendären Bälle des „Kreises“, zu dem Menschen von weit her anreisen, verliebt sich Ernst in den Travestie-Künstler Röbi Rapp (Sven Schelker).Die Schweiz ist zwar etwas liberaler als Westdeutschland, wo Sexualität zwischen Männer nach wie vor nach dem verschärften NS-Strafrecht verboten ist und abgeurteilt wird, allerdings auch nicht tolerant. Während die Schweizer Polizei dazu übergeht, die Zürcher Homosexuellen zu registrieren und Angst und Erpressung die bürgerliche Existenzen der Mitglieder des „Kreises“ zu zerstören drohen, gehen Ernst und Röbi eine Beziehung ein, die ein ganzen Leben lang halten wird.
Ernst Ostertag und Röbi Rapp, die 2007 als erstes Schweizer Männerpaar ihre Lebenspartnerschaft eintragen ließen, erzählen in Rückblenden von ihren Erfahrungen aus dieser Zeit des Umbruchs und der Rolle des „Kreises“ bei der Aufklärung über Homosexualität.
Die überzeugend inszenierten Spielszenen, die einen Großteil des Filmes ausmachen, zeigen das Klima der Angst in den 1950er Jahren, aber auch die genommenen Freiräume. Sven Schelker (inzwischen am Thalia Theater) spielt nicht nur die Bühnenszenen grandios.
]]>
Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt
Rosa von Praunheim; D 1970; 67Min; DF; Digital
Der Film entstand als Auftragsarbeit für den Westdeutschen Rundfunk und behandelt das damalige Leben vieler Schwuler Anfang der 1970er in der Subkultur und die daraus zu ziehenden Konsequenzen.
Praunheims Attacken richten sich nicht gegen fremde Unterdrücker, sondern gegen das eigene Lager. Die These: Die schlechte Situation, in der sie lebten, sei hausgemacht. Tenor des Films ist, dass Schwule ihre unmäßige Angst überwinden und aus ihren Verstecken kommen sollen, um solidarisch und kämpferisch miteinander für eine bessere, gleichberechtigte Zukunft anzutreten. Dadurch wurde er zum Auslöser für die Entstehung der modernen deutschen und schweizerischen Schwulenbewegung. Verwirrung, Empörung, Bestürzung im Schwulenlager war die Folge, aber auch Bewegung, Aktion, coming out und Solidarität.
Die Aufführung des Films im deutschen Fernsehen wurde zum Skandal. Der WDR war 1972 der einzige Sender, der den Film in seinem 3. Programm ausstrahlte. Die vorgesehene parallele Aufführung beim ARD wurde kurzfristig abgesagt. Die ARD strahlte den Film ein Jahr später aus, Bayern schaltete sich daraufhin aus dem Programm aus.
Vorfilm: ROSA ARBEITER AUF GOLDENER STRASSE. 2.Teil; Rosa von Praunheim, BRD 1968, 11Min.; dig
[caption id="attachment_1551" align="alignleft" width="300"] BILD:WDR[/caption]]]>
Eisenstein in Guanajuato
Peter Greeneway, NL/MX/FI/BE 2015, 105 min., OmU
1931, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, reist der sowjetische Filmemacher Sergej Eisenstein nach Mexiko, um dort einen neuen Film zu drehen. Nach einer Abfuhr aus Hollywood und vom stalinistischen Russland unter Druck gesetzt, kommt er in Guanajuato an und begibt sich unter die Obhut seines attraktiven Führers Palomino Cañedo. In der farbenfrohen Stadt entdeckt der unbeholfene Meisterregisseur neue Zusammenhänge zwischen Eros und Thanatos, Sexualität und Tod, für die er zwar im Film schon immer meisterhafte Bilder fand, die ihm aber noch nie so nah auf den Leib gerückt waren.
Greenaway erzählt davon mit kräftigen Farben und großem Schwung. Er zaubert mit Splitscreen, Inserts, Wiederholungen und Animationen, spielt dabei auch auf Eisensteins „Montage der Attraktionen«“ an. Mehrere zentrale Szenen inszeniert er ganz auf Figuren und Handlung konzentriert, so dass man in die Erzählung eintauchen kann. Dann wieder tobt ein assoziativer Wirbelsturm aus Bildfragmenten, zerfetzten zeitgenössischen Fotografien und Ausschnitten aus Eisensteins Filmen und erinnert daran, dass die Spielszenen eben nur Spiel sind.
Ein sehenswerter Bildersturm, der ein intellektuelles wie sinnliches Vergnügen bereitet.
]]>